WTT-Logo

Westdeutsches Tourneetheater Remscheid GmbH

Bergisches Regionaltheater

Unsere Mitmach-Geschichte: Das Monster Michelangelo


Michelangelo wurde von allen nur Micki genannt. Das kommt bei Kindern
wohl öfter vor, dass man den richtigen Namen abkürzt oder verniedlicht.
Micki fand das gar nicht niedlich. Niedlichkeit war nämlich in gewisser
Weise sein Problem, denn ... Micki war ein Monster.
Das ist keine Beschimpfung oder Verurteilung – es ist schlicht eine
Tatsache. Micki entstammt der dritten Generation der Mumpfeldorfer. Sein
Vater und sein Großvater arbeiteten bereits als Hausmonster und diese
Tradition sollte natürlich von Micki weitergetragen werden, ganz zum
Stolz der Familie.
Mittlerweile befand er sich im zweiten Hausmonsterausbildungsjahr und
der Unterricht wurde von Woche zu Woche anspruchsvoller, die
Hausaufgaben vielfältiger und die Prüfungen schwieriger.
Nun stellt sich natürlich die berechtigte Frage, ob es denn so schwer
sein kann, ein einfaches Hausmonster zu sein. Wenn man schon als Monster
geboren wurde, dann reicht es doch, zu sein wie man ist, oder?
Weit gefehlt!
Micki erinnert sich mit Grausen an die Inhalte des bisherigen
Hausmonsterunterrichts:
Die da wären:
1.    Lauerstellung
Man muss unerkannt unter das Bett eines Menschenkindes kriechen, dort
still verharren bis die Nacht hereinbricht und darf unter keinen
Umständen vorher von pädagogisch handelnden Elternteilen zur Beruhigung
des Kindes entdeckt werden. Ein Monster ist zwar grundsätzlich für einen
Menschen nach dem 12. Lebensjahr unsichtbar, aber durch Ungeschick,
Nervosität oder schlicht Schlamperei hinterlässt man eventuell Spuren,
das Kind möchte vorsichtshalber im elterlichen Bett übernachten und
damit ist die ganze Mission hinfällig.
2.    Einsatzzeit
Ganz wichtig. Das Bett des Kindes gilt grundsätzlich als „gesicherte
Zone“, oder wie man heute auch sagen würde: „No-Go-Area.“ Erst sobald
ein Arm oder ein Fuß aus der Bettdecke über den Bettrand hinaus ragt,
ist das Hausmonster nicht nur berechtigt, sondern sogar verpflichtet,
nach besagtem Körperteil zu greifen, es kurz festzuhalten und notfalls
daran zu ziehen bis das Kind erwacht. Und erst wenn durch weinen und
schreien ein oder mehrere Elternteile hinzualarmiert wurden, das Kind
mit dem obligatorischen „Das war doch nur ein Alptraum schlaf weiter“
Spruch abgefertigt wurde, erst dann gilt die nächtliche Mission als
erledigt, das Monster darf sich zurückziehen und sich zum Feierabend ein
Himbeerbier gönnen.
3.    Notfallmodus
Kommt das Monster nicht zum Einsatz, weil kein Körperteil des Kindes aus
dem Bett ragt, dann wird nach zwei Stunden automatisch der Notfallmodus
geschaltet. „Der Mann im Schrank“.
Das sind dann meist ehemalige Monsterschüler, die die Prüfung nicht
bestanden hatten. Diese müssen dann die Gestalt eines großen
menschlichen Schattens annehmen, möglichst quietschend die Schranktür
öffnen und bedrohlich daraus hervor winken. Eine sehr undankbare und
unbeliebte Tätigkeit – Der Spruch „Sei immer fleißig in der Schule sonst
endest du im Schrank“ ist kein seltener Ratgeber aus Monstermamamündern.
In Mickis Schule standen die Praktikumswochen bevor. D.h. Er musste mit
einem erfahrenen Hausmonster auf Schreckenstour gehen, alles genau
beobachten und hinterher seine Erfahrungen penibel im Praktikumsbericht
darlegen, der von der Monsterakademie streng bewertet wurde.
Der Praktikumsbericht machte fast 50 % der Note aus. Nur wenn er
bestand, kam er ins dritte und letzte Ausbildungsjahr – das Praxisjahr.
Dort durfte man dann endlich selbst Kinder erschrecken und musste nicht
mehr so viel Theoriezeugs in der Schule büffeln. Der Monstervolksmund
sagte: Wer im dritten Ausbildungsjahr ist, ist eigentlich schon ein
Hausmonster, die Abschlussprüfung ist dann nur noch reine Formsache.
Micki hatte trotzdem Prüfungsangst. Jetzt schon. Er hatte Angst, dass er
vor lauter Angst kein Kind ängstigen würde, es war ein verflixter
Teufelskreis.

Nun wollte es der Zufall, dass er Meister Kruschendo zugewiesen wurde.
Meister Kruschendo war ein weit erfahrenes Hausmonster, hatte damals die
Monsterakademie mit Bestnoten abgeschlossen (man munkelte, dass er sogar
ein transsilvanisches Stipendium hätte erhalten sollen, dies aber
ablehnte, weil Kruschendo sehr heimatliebend war und mit den verdienten
Kröten lieber seine Familie vor Ort unterstützen wollte. Mit Kröten sind
übrigens echte Sumpfkröten gemeint, die anerkannte Monsterwährung.)
„Nun?“, sprach Meister Kruschendo mit strengem Blick, „hast du deine
Einsatztasche gepackt, Michelangelo?“
„Ja Meister“
„Tarnanzug?“
„Ja Meister“
„Klauenverlängerung“
„Ja Meister“
„Brummen und Krächzen geübt?“
„Jawohl Meister“
„Schwert zum Enthaupten des Kindes?“
„WAS?“
„War ein Scherz. Nun gut, du scheinst vorbereitet. Wir treffen uns um
exakt 21 Uhr vor dem Kinderzimmer 986 alpha. Zielobjekt weiblich, 8
Jahre, Spätleserin. Lege vorher den Tarnanzug an und erscheine pünktlich
und ohne jedes Geräusch. Verstanden?“
„Verstanden Meister.“
„Nun geh und ruhe dich noch etwas aus, dein erster Ausseneinsatz wird
anstrengend.“
„Jawohl Meister.“
Michelangelo schlief natürlich keine einzige Minute, er war viel zu
aufgeregt. Im Kopf ging er noch mal das ganze Schulwissen durch – hatte
er auch wirklich alles eingepackt? Er hatte seine Tasche dreimal
kontrolliert, aber wer weiß ...?

Um kurz vor 21 Uhr schlüpfte er bibbernd vor Aufregung in seinen frisch
gebügelten Monstertarnzanzug, schnappte sich seine Tasche und machte
sich auf den Weg zum Einsatzort...


Wie geht es weiter mit unserem Monster? Wird er seine erste
Schreckensnacht überstehen oder geht alles schief? Schreibt die
Geschichte weiter!
Viel Spaß dabei!


HIER gibt es den Text auch als PDF zum Download